Offener Brief für die Wiedereröffnung der Uni

Sehr geehrte Frau Busse,
sehr geehrter Herr Freimuth,

wir schreiben Sie im Namen der Physik-Fachschaft an, um Ihnen darzulegen, warum es unbedingt notwendig ist, verantwortbare Wege zu finden, um die Uni im nächsten Semester wieder möglichst weit zu öffnen.

Drei Aspekte sind dabei angesichts der Erfahrungen im Sommersemester, die sich auch in den Evaluationen eindrücklich niederschlagen, entscheidend:

1) AUCH PERFEKTE ONLINE-LEHRE KANN KEINEN PRäSENZBETRIEB ERSETZEN.
Lernen ist ein sozialer Prozess; deshalb ist unsere Universität eine Präsenzuni, die auf reale Begegnung setzt. Trotz endloser Anstrengungen, damit aus physical distancing nicht social distancing wird, war diese Begegnung im Sommersemester extrem eingeschränkt.
Eine Folge davon ist die Zuspitzung schon immer bestehender hochschuldidaktischer Herausforderungen, wie sie in der Resolution der ZaPF herausgearbeitet sind, die Sie dieser Tage erhalten oder unter folgendem Link finden:
https://zapf.wiki/images/6/68/Reso_Aus_der_Krise_lernen.pdf Gerade unser Fachbereich hat sich mit großem Einsatz diesen Herausforderungen gestellt, was sicher nicht repräsentativ ist.

Dennoch: Gerade Fächer mit ausgeprägter Präsenzkultur, bei denen das Lernen überwiegend nicht in Stille, sondern in Debatten geschieht, leben einerseits von der spontanen Begegnung mit Leuten, mit denen man sich nicht verabreden würde. Sie leben aber vor allem auch von der Einheit von individueller Auseinandersetzung mit einem Thema, gemeinsamer Erarbeitung sowie Beratung über die Zwischenergebnisse. Der Rückfall auf Online-Kommunikation verlangsamt dies nicht nur dadurch, dass die non-verbale Kommunikation fast nicht existiert. Vor allem führt er zur Separation und Terminverplanung dieser eigentlich aufs Engste verbundenen Prozesse. Das Ergebnis ist, dass die Diskussionspartnerin genau dann nicht zur Verfügung steht, wenn man sie braucht, die nächsten TOPs eines Meetings behandelt werden müssen, wenn man eigentlich mal gerade 10 Minuten allein über den letzten TOP nachdenken müsste, produktive Debatten wegen des nächsten Termins abgebrochen werden müssen usw.
Diese Entmischung der verschiedenen Tätigkeiten ist nicht nur eine qualitative Frage, sondern hat auch eine quantitative Überlastung aller zur Folge: Durch die langen Phasen vereinzelter Arbeit fehlt nicht nur Inspiration, für die vielleicht auch ein täglicher Austausch ausreichen würde; vielmehr fehlt die laufende Reibung an den Gedanken anderer, die eine*n aus gedanklichen Sackgassen holt, bevor man nach Stunden vergeblicher Arbeit frustriert aufgibt und die überhaupt erst zu der Kontrastierung führt, die das Fragen (in Veranstaltungen) ermöglicht.
So sind dem anschließenden Austausch gewidmete Videokonferenzen entweder stumm und fruchtlos und es stapelt sich über die Wochen Halbwissen, dessen Fundament immer bröckeliger wird. Oder die Treffen werden endlos, zäh und aufreibend, weil es anders als sonst eben nicht reicht, dass alles einmal gesagt wird, sondern jede*r alles einmal gesagt haben muss, um die verschiedenen Gedanken tatsächlich zueinandern ins Verhältnis zu stellen.

Zu alledem kommt:
Die Online-Lehre führt zu höherer sozialer Selektivität der Uni, weil Studierende unterschiedlich gut technisch ausgestattet sind und ihnen unterschiedliches soziales Kapital zur Verfügung steht, um mit der Krise umzugehen. Diese Unterschiede spitzen sich noch dadurch zu, dass sehr viele Studierende angesichts des Verlustes ihres Jobs und ausbleibender ernstzunehmender staatlicher finanzieller Unterstützung in großer finanzieller Not sind, ihre Wohnung aufgeben müssen, VISA-Probleme haben usw. Hier wäre es wünschenswert, wenn die Uni offensiver zugunsten ihrer Studierenden (aber auch ihrer Mitarbeiter*innen) in die öffentliche Debatte eingreifen würde.

2) DIE öFFENTLICHEN BEREICHE, FOYERS, ABENDVERANSTALTUNGEN USW. SIND KEIN VERZICHTBARER LUXUS.
Glücklicherweise ist unsere Uni keine Lernfabrik, deren Schornsteine 24/7 rauchen und von der man sich im besten Fall guten Service, eine erträgliche „Work-Life-Balance“ und „Karrierechancen“ erhoffen könnte. – Jedenfalls setzen wir (und nicht nur wir) uns seit Jahren halbwegs erfolgreich dafür ein, dass sie ein Ort des Lebens ist, ein Ort, vor dem man sich nicht in Freizeit flüchten muss, ein Ort der Begegnung, der Neugierde, der öffentlichen Debatte, der Kultur und Politik; ein Ort, an dem persönliche Entwicklung, kritische Assoziation, Arbeit an gesellschaftlich relevanten Fragen, abenteuerlustige Raserei des Verstandes, sorgfältiges Zuhören und rational begründete Mitgestaltung der Welt eine fruchtbare Einheit bilden.

All dies geht nicht in den Lehrveranstaltungen auf. Deshalb ist es gut und richtig, die Lehrveranstaltungen des auslaufenden Semesters zu evaluieren und Hybridlehre im nächsten Semester zu planen. Nur ist der gesamte Rest – die Uni als gemeinsam gestalteter Raum der informellen Begegnung und öffentlichen Veranstaltungen wie auch der Alltagsstruktur und Identitätsfindung – mindestens ebenso wichtig und kommt in der Debatte bisher leider zu kurz.

3) WISSENSCHAFT HAT DIE MöGLICHKEIT UND DIE AUFGABE, AUSWEGE AUS DER ZWICKMüHLE ZU FINDEN.
Es geht nicht um die Entscheidung, ob wir das Leben von Menschen aus der Risikogruppe oder die Bildungs- und Lebensbedingungen einer Studierendengeneration riskiert werden. Vielmehr ist die Aufgabe der Wissenschaft, eine dritte Lösung zu finden, einen Ausweg, um die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen.
Angesichts der Expertise unserer Uni sind wir optimistisch, dass dies gelingt, wenn die eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse bei der Erarbeitung eines Konzeptes zur Wiederöffnung der Uni eingesetzt werden. So erforscht die hiesige Biophysik zusammen mit der Uniklinik Teststrategien, sind seit Jahren am WHO-Influenza-Report beteiligt usw.
Zudem ist eine verantwortungsvolle Wiederöffnung der Uni darauf angewiesen, dass alle an der Uni mitdenken, sich die Konzeption zu eigen machen und gute Ideen beisteuern, anstatt nur Regeln zu befolgen; Ideen auf die nur die kommen können, die vor Ort in den Fachbereichen unterwegs sind, die Gebäude, die Abläufe und die Bedürfnisse kennen.
Wir möchten daher anregen, die vorlesungsfreie Zeit für einen breiten Dialog mit Fachvorträgen (z.B. im open-air-Kino im Rheinauhafen) und öffentlichen Diskussionsrunden usw. zu nutzen, um der Frage nachzugehen, welche Perspektiven es für die verantwortungsvolle Wiederöffnung unserer Uni und anderen vergleichbaren Institutionen gibt.

Wir bitten Sie daher, sich – auch in Kooperation mit Hochschulen, die diesbezüglich schon weiter sind – für eine verantwortungsvolle Wiederaufnahme eines Präsenz-/Hybrid-Betriebes unserer Uni in allen ihren Dimensionen einzusetzen, damit an unserer Uni wieder Freundschaften und Kontroversen, Liebesgeschichten und große Ideen statt Vereinzelung, Burnout und Depression entstehen. Damit sollten wir schon in den Semesterferien beginnen, zumal Angebote im Freien, etwa auf den derzeit ungenutzten Mensa-Terrassen einfach zu realisieren sein sollten. Gerne werden wir auch dabei mitwirken, dies zu ermöglichen und freuen uns darauf, dies gemeinsam in Angriff zu nehmen.

Herzliche und optimistische Grüße,
im Namen der Fachschaft Physik,

Annemarie Sich

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