Rede bei der Kundgebung „Hiroshima und Nagasaki mahnen. Für ein UN-Atomwaffenverbot“

Bei der Kundgebung „Hiroshima und Nagasaki mahnen. Für ein UN-Atomwaffenverbot“ am 6.8.2020 auf dem Roncalliplatz haben Mo und Stefan folgende Rede gehalten:

6 Dinge in 7 Minuten

1) (Stefan)
Was macht die Fachschaft Physik auf dieser Kundgebung? Letztlich angestoßen im Rahmen der Bildungsstreik-Proteste ab 2009 wurde 2014 NRW-weit eine sogenannte Zivilklausel, die Aufgabe der Hochschulen, zu Frieden, Demokratie und Nachhaltigkeit beizutragen, eingeführt. Die Freude über diesen Erfolg war groß, nur hatte das tägliche Leben in der Physik nicht wirklich einen Bezug zu Frieden, Demokratie und Nachhaltigkeit.
Um das zu ändern haben wir als studentische Vertretung zusammen mit drei Dozierenden und breiter Unterstützung durch die gesamte Fachgruppe das Seminar Physik & Ethik gestartet. In diesem Seminar waren und sind Kernwaffen immer wieder Thema und hat letztlich zu einer eigenen Unterschriftenkampagne geführt, die darauf zielt, dass die Uni als Ganze dafür eingreift, dass die Bundesregierung den Atomwaffenverbotsvertrag unterzeichnet.

2) (Mo)
Wir befinden uns in der wissenschaftlichen Aufklärung über, der Warnung vor und des Widerspruchs gegen Nukleare Rüstung in einer Kontinuität, beginnend mit dem Russell–Einstein–Manifest und der Göttinger Erklärung der 50er über den Mainzer Apell der Friedensbewegung in den 80er Jahren. Im Mittelpunkt stehen dabei die Aufklärung über die lokalen und globalen Folgen von Kernwaffen und die Warnung vor der Verharmlosung als
kalkulierbares Risiko und der damit einhergehenden steigenden Bereitschaft für deren Einsatz.
Ein gemeinsames Signal geht von diesen Arbeiten aus:
Die Abwendung einer nuklearen Eskalation kann nur die Abrüstung darstellen.
Zu Grunde liegt dabei die Realität, das die Existenz von Kernwaffen eine Bedrohung für die gesamte menschliche
Gesellschaft bedeuten.

3) (Mo)
Uns klingen immer noch die Aussagen Konrad Adenauers in den Ohren, Atomwaffen ’seien nichts weiter als die Weiterentwicklung der Atillerie‘ und man ‚müsse die neuesten Entwicklungen mitmachen‘. Noch heute ist in Büchel die nukleare freifallende Bombe B–61 stationiert, deren Sprengkraft von Bruchteilen bis zum Zehnfachen von Little Boy eingestellt werden kann. Solche Kernwaffen gelten als ‚taktisch‘ und ‚klein‘; erinnern wir uns kurz an die 80000 Menschen, die vor 75 Jahren in den Bruchteilen einer Sekunde zu Staub verbrannt wurden und wir erkennen eine verharmlosende Bezeichnung, die suggeriert, dass sich die Effekte in einem Kriegsszenario auf den Einsatz begrenzen ließen und über die gigantische und permanente Zerstörung, die sie hinterlassen, hinwegtäuscht.
Dies ist die Irreführung nukleare Kriege wären kalukierbar. Eine, die die öffentliche Debatte um die nukleare Bewaffnung verzerren soll und deren Aufdeckung wir heute als unsere Aufgabe verstehen.
Anstatt die Modernisierung der Jäger, die diese Bomben transportieren sollen, unter dem Begriff ‚Sicherheit‘ zu diskutieren, sollten wir den Irrglauben einer begrenzbaren nuklearen Auseinandersetzung entlarven und Bedingungen schaffen, in denen globale nukleare Abrüstung stattfinden kann.
Die sichere Demontage und die durch den multilateralen Charakter von Abrüstung notwendige Verifikation dieser Abrüstung sind ein aktuelles Forschungsgebiet, wozu es unter anderem Beiträge des Forschungzentrums Jülich gibt. Aktuell ist ebenso der Aufbau einer Kölner Arbeitsgruppe zur Abrüstungsverifikation im Gespräch.

4) (Stefan)
Der Atombombenabwurf läutete den Kalten Krieg durch die unmissverständliche Botschaft ein, das Recht des Stärkeren wäre uneingeschränkt. Diese Botschaft ist auch jetzt noch ein weitgehend unüberwundenes Trauma, das massiv einschüchtert: Denn welche Rolle kann man noch spielen, wenn man nicht mitrüstet? Überlässt man dann alles den Trumps dieser Welt? Und umgekehrt: Welche Rolle spielt man zwangsläufig, wenn man mitspielt? Fragen, die sich nicht nur in der internationalen Diplomatie, sondern auch im Job, in der Beziehung, in politischen Organisationen stellen.
Was hat das mit Physik zu tun? Die Theorie der Phasenübergänge beschäftigt sich systematisch mit dem Zusammenhang von Quantität und Qualität – sei es der Übergang von Eis zu Wasser, wenn die Temperatur langsam steigt, die Entstehung eines Staus bei steigender Verkehrsdichte oder eben dass sich ein neues politisches Paradigma gegen das Recht des Stärkeren und die Politik mit der Erpressung Bahn bricht. Dietrich Stauffer, der von Anfang an bei unserem Seminar dabei war und leider letztes Jahr verstorben ist, war Pionier auf diesem Gebiet, das in letzter Zeit dazu beigetragen hat, neorealistische Theorien, aber auch das Modell homo oeconomicus sehr prinzipiell auseinander zu nehmen.

5) (Mo)
Hiroshima stellt den Geburtsmoment der gesellschaftlich-politischen Reflexion der Naturwissenschaften dar: Niemand kann mehr behaupten, dass Physik keine politische Relevanz hat.
Für die Forschenden im Manhatten Project kam diese Auseinandersetzung zu spät. Obwohl viele, nachdem sie realisierten, was sie geschaffen hatten, gegen den Einsatz der Bombe in Japan einsetzten, oblag der politisch-militärischen Führung diese Entscheidung nach der Fertigstellung. Alle Naturforschenden sollten heute die Ideologie, die sich ihrer Erkenntnisse und Entwicklungen bedient, hinterfragen, und die Kontexte, in dem ihre Forschung eingesetzt, aber auch missbraucht werden kann, reflektieren.
Die Auseinandersetzung der Physikalischen Gemeinschaft mit sich selbst durch die historische Erfahrung mit Kernwaffen ist hierbei in der Lage, Maßstäbe für die ethische Bewertung von jungen Feldern zu schaffen, die noch nicht ihr eigenes Hiroshima erlebt haben, damit sie es hoffentlich niemals erleben werden.

6) (Stefan)
Dabei gilt es aber nicht nur, vor Gefahren zu warnen, über Falschdarstellungen aufzuklären, Kriegsideologie zurückzuweisen und Wege zur Abrüstung zu entwickeln. Auch angesichts der Tatsache, dass wir heute trotz der Aufkündigung bestehender Abrüstungsverträge anders als noch im Kalten Krieg nicht mit dem täglichen Risiko eines 3. Weltkrieges leben, ist vielmehr von Wissenschaft und Bewegung die Frage zu beantworten: Was gibt es angesichts der größtmöglichen Zerstörung, der zur Schau getragenen Skrupellosoigkeit des Atombombenabwurfs mit Global Zero zu gewinnen – zivilisationsgeschichtlich und ganz persönlich.

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